Dr. Michael LoebbertDr. Michael Loebbert Krise der ökonomischen Kultur

22.10.08 by Dr. Michael Loebbert

Es gibt keine Krise des Finanzmarktes. Dass wir den Finanzmarkt brauchen ist sowieso klar. Es gibt auch keine Krise der Produktionsunternehmen, denn wir wollen natürlich auch in Zukunft von ihren Produkten profitieren. Es ist auch keine Krise des globalen Wirtschaftens, denn das Rad der Geschichte kann wohl nicht zurück gedreht werden.

Beim Finanzmarkt geht es um Vertrauen; Hasardeuren und skrupellosen Profiteuren ist es halt schwer Vertrauen entgegen zu bringen. Bei den Produktionsunternehmen, besonders der Automobilindustrie, aber auch bei Pharma  (spätestens in fünf Jahren) geht es um fehlende und falsche Innovation. In den globalen Wirtschaftsbeziehungen geht es um fehlende und falsche politische Regeln.

«Krise» bedeutet, dass etwas zur Entscheidung steht, nicht dass etwas schlecht läuft. Obwohl, meistens muss es uns wohl etwas schlechter gehen, bevor wir merken, dass und was zur Entscheidung steht.

  • Zur Entscheidung steht, ob wir weiterhin in unseren Management Ausbildungen und Unternehmen kulturelle Werte vermitteln und weiter geben wollen, welche recht realitätsfremd nur kurzfristige Profite in den Mittelpunkt stellen. Wollen wir wirklich weiter betriebswirtschaftlichen Glaubenslehren huldigen, die sich statt an menschlichem Geist und Schaffenskraft  nur an den Key Performance Indikatoren der ökonomischen Steuerung orientieren?
  • Im Unterschied zu mittelständischen Unternehmen im engen Kontakt mit ihren Kunden, drehen sich grosse Konzerne und die von ihnen beherrschten Zulieferketten in ihren Innovationen um sich selbst – Autismus statt Kreativität: Postkutschen mit Spiralfedern, Spritzschutz und Isolation hatten nie einen Markt, auch wenn sie technische Innovation versprachen.
  • Der ironisch gemeinte Ausspruch von «Kapitalismus als Religion» hat durch seine Fundamentalisten leider gespenstische Wirklichkeit angenommen. Freiheit von Regeln, besser die Möglichkeit die eigenen Regeln des Profits durchzusetzen wird von Heuschrecken und Kapitalgesellschaften zum politischen Ordnungsrahmen erklärt.

Die Krise der ökonomischen Kultur lässt sich wahrscheinlich nicht in wenigen Monaten bewältigen. Kulturelle Werte müssen erst wieder wachsen und nachwachsen:

  • Gemeinwohlorientierung und Corporate Social Responsibility statt hemmungslosem Profit,
  • Gerechtigkeitssinn und menschliches Maß statt Ausbeutung;
  • Querdenken, Mut und kreative Innovation statt betrieblicher Autismus;
  • internationale Kooperation in der Gestaltung der politischen Rahmenbedingungen.

Die kleinen Pflanzen wachsen schon. Wieviel Krise wird es wohl noch brauchen bis wir uns entscheiden und die Chance nutzen?

Über den Autor:
Dr. Michael Loebbert ist Coach und Management-Berater und Autor der monatlichen Publikation “Change Management Short Cut“.

Sphere: Related Content

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>