Dieter SteigerDieter Steiger SAP Enhancement Packages als „Allheilmittel“: Ein Trugschluss

13.02.09 by Dieter Steiger

Das neue Konzept der Erweiterungspakete (Enhancement Packages, kurz EhPs) von SAP ist technisch betrachtet genial. Schade eigentlich, dass SAP, der Standardlieferant für Business Software schlechthin, so lange gebraucht hat, dieses Softwarelogistik-Konzept zu etablieren. Was das Fehlen dieses Frameworks bis anhin die Kunden gekostet hat, kann jeder SAP CIO anhand seiner eigenen Aufwände abschätzen. Doch ganz so einfach wie im Inside-IT-Artikel „Nie mehr lästige Upgrades“ vom 4. Februar 2009 suggeriert wird, ist es dennoch nicht. So wie Roche CIO Jennifer Allerton zitiert wird, könnte man meinen, dass die Spezialisten für die Upgrades nun nicht mehr gebraucht würden. „Gegenüber dem ‚Wall Street Journal‘ erklärte Allerton, Roche habe im vergangenen Jahr vier volle Upgrades durchgeführt, wofür ein Team von 15 Spezialisten benötigt wurde. Mit der neuen Business Suite sei man nicht mehr auf Upgrades angewiesen“. Dies ist ein fataler Trugschluss.

Zweifelsohne, aus softwarelogistischer Sicht hat SAP die Hausaufgaben gemacht. Jedoch mit einer Sichtweise, die sich in erster Linie auf die Auswirkungen der Änderungen nur im Rahmen der SAP Standardsoftware-Funktionen begrenzt. Kundenanpassungen und Integrationen werden nicht in Betracht gezogen. Und welcher Grosskunde hat sein System nicht massiv angepasst, erweitert und in sein Applikationsumfeld integriert? Dies ist übrigens nicht untypisch für SAP. Auch bei den Neuerungen für Solution Manager und das Transport Management System wird die Problematik immer nur mit der Optik des Softwareherstellers gesehen. Das Kundenumfeld bleibt das Problem des Kunden. Die den EhPs zugrunde liegende „Switch Technology“ kann im übrigen auch für kundeneigene Erweiterungen des SAP Standards angewendet werden, jedoch müssen ABAP-Entwickler zuerst lernen, wie in dieser Art neu entwickelt werden muss.

So bezieht sich das EhP Konzept nicht auf in der konkreten SAP Kundenumgebung implementierten Funktionen. Dies ist allerdings typischerweise der Ort, an welchem die grössten Investitionen des Kunden bei der Implementierung von SAP getätigt wurden. Analysen des Change Impacts für EhP-Aktivierungen sind weiterhin zwingend notwendig. Mit den Hilfsmitteln von SAP sind diese auch zukünftig nicht zu bewerkstelligen. Es braucht hierfür weiterhin und umso öfter den Einsatz von Werkzeugen der spezialisierten Firmen IntelliCorp oder Panaya.

Voraussetzung für den Einsatz von EhPs ist im übrigen SAP NetWeaver 7.0. SAP Kunden, die noch nicht auf SAP NW 7.0 sind, bleibt nach wie vor nur der konventioneller SAP Upgrade.

Unterschiede beim Einsatz von EhPs zum traditionellen Upgraden

a) Beim Einspielen von neuen und erneuerten SAP Funktionen in die SAP Plattform
EhPs können neu jederzeit eingespielt werden. Der physische Aufwand bleibt allerdings nach wie vor. Jedoch ist die direkte zeitliche Abhängigkeit der Aktivierung neuer Funktionen für die Anwender und damit das Anpassen der Business-Prozesse vom reinen Einspielen der neuen Funktionen auf die SAP Plattform losgelöst

b) Beim Aktivieren der neuen und erneuerten SAP Business-Funktionen für Anwender
Getrennt vom technischen Einspielen der neuen Funktionen kann nun das Aktivieren der neuen Funktionen für die Anwender jederzeit, vermeintlich dynamisch auch für Teilfunktionen des SAP Releases erfolgen.

Doch diese Dynamik birgt Gefahren. Genau wie bei Upgrades gilt es, vorbereitend für zu aktivierende EhPs die zusätzlichen Anforderungen der neu gelieferten Funktionalitäten zu sammeln. Erst damit kann eine Analyse der Auswirkungen des Aktivierens der von SAP zur Verfügung gestellten neuen Funktionen auf die konfigurierte Basis wie auch zu in Arbeit befindlichen Änderungen am System aus Projekten und Support Change Requests vorgenommen werden.

Mittels einer solchen Analyse können der Auswirkungsgrad des Aktivierens von einzelnen EhPs und notwendige Vorbereitungs- und Nachbearbeitungsarbeiten, beispielsweise Testaktivitäten, bestimmt werden. Somit wird klar, wie gross der Aufwand des Einspielens einzelner EhPs wirklich ist.

Das flexible und dynamische Aktivieren der einzelnen „Business-Switches“ fordert die Auswirkungsanalyse umso mehr. Zunächst ist es äusserst hilfreich, wenn dank Analysetools, bereits klar ist, welche in einem EhP enthaltenen Transaktionen im Unternehmen effektiv eingesetzt werden. Aufgrund der vom SAP Marketing geschaffenen Erwartungshaltung im Business muss das SAP Kompetenz-Center des Kunden diese zeitlich flexibel für die zu aktivierenden EhPs umfassend analysieren. Anschliessend können gezielt Vor- und Nachbearbeitungsmassnahmen für die Aktivierung kurzfristig angesetzt werden.

Auswirkungsanalyse

Die Auswirkungen, egal ob von Upgrades oder nun vom „Aktivieren von EhPs“ haben die meisten SAP Kunden erfahren: Das ganze implementierte Applikationsportfolio wird immer wieder neu aufgebaut, damit die neuen technischen Funktionen auf Basis der alten technischen Funktionsweise sichergestellt werden können, anstatt aktiv nur noch das Delta zwischen alter und neuer Funktionalität zu bewirtschaften (Dokumentationen, Test, etc.). Ganz zu schweigen davon, dass auf Informationen von vorhergehenden Applikations-Changes zurückgegriffen werden kann.

Das einzige wirkliche Hilfsmittel ist immer noch die Investition in ein nachhaltiges SAP Application Lifecylcle Management, um die konkurrierende Umsetzung von SAP Initiativen und SAP-Betrieb zu unterstützen.

Allheilmittel SAP Enhancement Packages – Fazit

Das zeitaufwendige Bestimmen, Umsetzen und Testen von neuen und angepassten Business-Funktionen bleibt auch mit EhPs immer noch derselbe, wenn er nicht gar erhöht wird durch die für das Business attraktive, flexible Aktivierung in Schritten.

Bedingt durch die neu auch in Teilen zur Verfügung gestellte Business-Funktionalität wird die Auswirkungsanalyse komplexer und allenfalls zeitaufwendiger.
Mit der zeitlichen Entkopplung des technischen Einspielens von EhPs, kann beim zur Verfügung stellen von Teilfunktionen Zeit gewonnen werden. Diese Zeitersparnis muss unbedingt in die Auswirkungsanalyse und die entsprechend flexible Vor- und Nachbearbeitung reinvestiert werden, um nicht das Risiko von Qualitätsproblemen in der Produktion, die bis zu Produktionsstillständen führen können, einzugehen. Durch die Entkopplung und die wachsende Komplexität im System selber, steigt der Lifecycle Management Aufwand eher noch an. Die Annahme, dass dank den EhPs Ressourcen für das Change Management am SAP System eingespart werden können, erweist sich so schnell als Trugschluss.

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