Serge BaumbergerSerge Baumberger HP Quality Center vs. IBM Rational Quality Manager

25.03.09 by Serge Baumberger

In der neusten Forrester Wave (Q3 2008) wurden die 6 grössten Hersteller von Functional Testing-Lösungen untersucht. Aufgrund des aktuellen Angebots und der Strategie,  wohin sich die entsprechende Lösung bewegen soll, ist HP die Nr. 1 und IBM die Nr. 2. Zeit sich die aktuellen Flagschiffe genauer anzuschauen und miteinander zu vergleichen.

In den Ring steigt in die eine Ecke IBMs Rational Quality Manager Standard Edition (Version 1.002) und in die andere Ecke HPs Quality Center 10.0 (Enterprise Edition) um gegeneinandern anzutreten. Weltmeister Quality Center (QC) muss sich im Titelkampf in der Disziplin „Look & Feel“ und in der Paradedisziplin funktionaler Umfang gegen den Herausforderer Quality Manager (QM) verteidigen und muss sehr auf dessen harte Linke aufpassen.

Erscheinungsbild – Verspieltheit vs. Bodenständigkeit

Beide Lösungen werden über eine URL im Browser geöffnet. Quality Center (QC) 10 ist hier nach wie vor auf Active-X angewiesen, was in vielen Firmen deaktiviert ist und deshalb meist als zusätzliches Paket an die Clients verteilt werden muss. Der Quality Manager (QM) kennt diese Hürde nicht und läuft deshalb auch im Firefox hervorragend.

Nach dem Einstieg präsentieren sich QC wie QM sehr übersichtlich. Bei QM startet man stets auf seinem persönlichen Dashboard. Dieses Dashboard lässt sich sehr leicht konfigurieren und sieht hübsch aus. Auch das QC 10 bietet wie im Blog HP Quality Center 10 aus Sicht des Test Managers beschrieben ein integriertes Dashboard, welches einen ähnlichen Funktionsumfang hat wie das vom QM.

Beide Testsuiten werden über eine vertikale Iconleiste navigiert. Diese kann im QC ausgeblendet und im QM wahlweise auch horizontal angebracht werden. Insgesamt wirkt QM moderner, dynamischer, schneller und interaktiver, wobei QC schlichter und professioneller wirkt. QC lässt sich nicht gross verändern, dass meiste wird mittels Listen und Parametern und ein bisschen VB-Script gesteuert. QM lässt sich hingegen total umbiegen und bis zum letzten Detail an den firmeninternen Workflow anpassen. Wenn QM vom „Look&Feel“ eher Facebook ist, wäre QC eher Xing – somit trifft Verspieltheit auf Bodenständigkeit.

Funktionaler Umfang

Die Einstiegshürde für neue Testing-Lösungen ist hoch. Um am Branchenprimus Quality Center heran oder sogar vorbei zukommen, muss man gleich im ersten Release schon schweres Geschütz mit- und zum Einsatz bringen. Also was bringt Quality Manager schon gleich im ersten Release mit, um gegen QC gewappnet zu sein?

Am besten vergleichen wir die einzelnen Minimodule/Funktionen, welche in der alltäglichen Arbeit benötigt werden, in einer Tabelle und küren jeweils den entsprechenden Sieger (Die Gewichtung basiert einerseits auf der Kritikalität und andererseits auf der Häufigkeit, respektive der verwendeten Zeit, mit dem einzelnen Minimodul/Funktion) :

Vergleichstabelle QC vs. QM

Legende (Kontrahenten):
0 = Funktionalität/Minimodul nicht vorhanden
1 = Funktionalität/Minimodul vorhanden
2 = Funktionalität/Minimodul gut gelöst
3 = Funktionalität/Minimodul sehr gut gelöst
* = Bewiesene Stabilität und Skalierbarkeit (QC) /
Moderne Web 2.0 Oberfläche ohne Active-X (QM)

Aus meiner Sicht liegt der Hauptunterschied beim interaktiven Test Plan (Planning) vom QM, welcher beim QC fehlt. Der Test Plan darf keinesfalls mit dem Modul Test Plan des Quality Centers verwechselt werden. Hier geht es um den echten Testplan, welcher gemeinsam durch Verteilung von work items (meist durch den Test Manager) erstellt wird. Einzelne Teile wie z.B. Requirements, Testfälle oder das Zusammenstellen des entsprechendes Testteams kann per work item an andere QM-Benutzer delegiert werden. Der Fortschritt kann jederzeit im Dashboard vom zuständigen Testmanager überwacht werden – ideal für Offshoreprojekte!

Ebenfalls nett, und nicht existent im QC, ist das Testumgebungsmanagement im QM. Sofern angebunden, können auf Knopfdruck Testgeräte mit Images versehen werden und entsprechend für einen Test reserviert werden.

Quality Center bietet dafür ein integriertes Baselining und Risk Based Quality Management, was im QM vergeblich gesucht wird.

Fazit

Im direkten Vergleich hat Quality Center gegenwärtig die Nase vorn. Aber Quality Manager hat mit der JAZZ-Plattform und dem Open Commercial Development einen Geschwindigkeitsvorteil, der zu beachten ist. Multiprojectsupport beispielsweise gibt es in der aktuellen Version von QM noch nicht, aber wird vermutlich im April ´09 mit der Version 1.01 verfügbar sein. Auf jazz.net kann auch jeweils nachschgeschaut (deshalb open) werden, woran zur Zeit gewerkelt wird. Daher kann man sich auf schnelle Releasezyklen freuen. Ob die Kunden von diesen Testing Lösungen auch diese Geschwindigkeit wollen und die neuen Versionen auch gleich einspielen werden, bleibt allerdings abzuwarten.

Im Kampf QC vs. QM gibt es kein KO. Der Gewinner nach Punkten ist QC mit 69 zu 39, weil es viele Dinge einfach besser oder eleganter macht als der Quality Manager (Import Testcases wird beim QC mit einem Word oder Excel-Plugin unterstützt, bei QM muss der Upload ohne Unterstützung im XML-Format erfolgen). Auch hier gilt aber das der QM vermutlich schnell aufholen wird. Dies ist auch nötig, denn bei QM geht es hier um den Release 1 einer neuen Lösung, welche bei der täglichen Arbeit noch Kinderkrankheiten hat (beispielsweise können Testfälle nicht kopiert werden und das Abspeichern von Attachments geht manchmal einfach nicht).

Letztendlich sollte man auch immer beachten, ob im Haus schon generell auf die Produkte von IBM Rational und die JAZZ-Plattform gesetzt wird, denn die Verbindung von der Entwicklung, dem Requirements-Engineerig und dem Testing in derselben Plattform hat viel Potenzial für Einsparungen. Zudem ist die Wahl einer Functional Testing Solution auch immer eine Preisfrage.

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4 Kommentare

  • 1
    Serge Baumberger:

    Der Vorsprung von QC schmilzt bereits
    Früher als erwartet hat IBM Rational die Version 1.01 released (16.3.09). D.h. Multi-Project-Support geht jetzt in RQM und somit holt sich RQM einen Punkt mehr. Wobei anzumerken ist das in der obigen Tabelle nicht mehr als 2 Punkte pro Bereich möglich waren aber z.T. durchaus gerechtfertigt gewesen wäre!
    RQMs Geschwindigkeit will nicht enden. Wie auf jazz.net zu lesen ist, steht die Beta-Version 2.0 schon zum Download bereit. Go-Live ist für den Juli dieses Jahres geplant. Der Release-Plan kann hier nachgelesen werden: https://jazz.net/development/DevelopmentItem.jsp?href=content/project/plans/rqm/rqm-plan-2.0.html

  • 2
    Marco Lüscher:

    Die Evaluation im Bereich Anforderungen hinkt ein bisschen, da ja bekanntlich IBM Rational Requirements Management mit RequisitePro, Doors oder Requirement Composer (Jazz) macht.
    http://www-01.ibm.com/software/rational/offerings/irm/

  • 3
    Serge Baumberger:

    Gesammelte Kommentare (anonymisiert)
    – Risk Based Quality Management und Baselining sind sehr wichtige Features
    – Die Testfallerstellung in QC ist definitiv besser gelöst als bei der Konkurrenz
    – RQM muss sich im „echten“ Einsatz erst einmal beweisen
    – Der (Text-)Beitrag ist pro RQM, die Gewichtung ist i.O.
    – Ein klares KO wurde unterschlagen…

  • 4
    Herbert Storek:

    Schnelles Aufholen durch neue Releases usw. sind ja gut und schön. Aber einen Punkt darf man dabei nicht übersehen:
    Wenn die Testumgebung z.B. im Bereich Medizintechnik eingesetzt werden soll, muß sie vor dem „echten“ Einsatz validiert werden. Das muß alles hieb- und stichfest dokumentiert werden, was doch einen nicht gerade unbedeutenden Aufwand (Software einspielen, Pflichtenheft erstellen/anpassen, Review und Freigabe des Pflichtenheftes, Testfälle erstellen bzw. anpassen, Review und Freigabe der Testspezifikation, Testdurchführung, Ergebnisse reviewen und freigeben etc.) darstellt. Wenn dann ein Update das andere jagt, ist das für den Freak vielleicht klasse, aber für den ernsthaften Einsatz eher hinderlich. Wenn diese Prozesse nicht eingehalten werden, kriegt man bei einem TÜV-Audit ganz schnell „eins auf die Mütze“, was ziemlich peinlich sein kann. Richtig teuer würde es aber werden, wenn die FDA die Testergebnisse verwerfen und die getesteten Produkte für den Export in die USA sperren würde. Hier kommt man derzeit wohl schwerlich an HP vorbei.

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