Peter WahlPeter Wahl Quality Gates: Kontrollposten auf dem Weg zum Projekterfolg

14.05.09 by Peter Wahl

Die Qualitätskontrolle darf nicht erst am Ende eines Projekts einsetzen. Um Irrwege frühzeitig erkennen zu können, sind Abschnittskontrollen nötig.  AXA Winterthur hat dazu das Modell der Quality Gates eingeführt.

Unzufriedene Kunden, überzogene Terminpläne, ein gescheitertes Projekt: Wenn der Ernstfall eintritt, wird es für Entwicklungsteam und Projektleiter unangenehm – Rettungsmassnahmen in letzter Minute sind teuer. Oft ist an solchen Misserfolgen eine mangelhafte Qualitätskontrolle schuld. Quality Gates können Abhilfe schaffen: Sie bringen nicht nur Nutzen für die Projektteams und -sponsoren, sondern auch für die Kunden.

CHECKPOINTS FÜR PROJEKTE

Quality Gates sind spezielle Projektmeilensteine, die sich beim Übergang zwischen zwei Projektphasen befinden. Sie werden speziell dort eingesetzt, wo die nachfolgende Phase auf besondere Weise von den Ergebnissen der Vorphase abhängig ist. Dies trifft beispielsweise auf den Übergang von der Konzeptions- zur Entwicklungsphase zu oder nach Projektabschluss bei der Überführung der Lösung in den Betrieb. Quality Gates dienen insbesondere zur

  • Sicherstellung der Qualität in der Projektabwicklung
  • Schaffen von Transparenz und Objektivität der Projektarbeit in der Organisation
  • Verbesserung der Wirtschaftlichkeit durch frühzeitige Fehlererkennung.

Spätestens bis zur Erreichung der Quality Gates müssen ausgewählte Lieferobjekte, die in der Vorphase des Projekts erstellt wurden, anhand von definierten Erfüllungskriterien durch eine projektexterne Fachstelle auf ihre formale und inhaltliche Qualität überprüft werden. Welche Projektergebnisse der Prüfung zu unterziehen sind, wird im besten Fall zu Beginn des Projekts, spätestens aber in der Vorbereitung der entsprechenden Projektphase durch das Erstellen einer Tailoring-Vereinbarung festgelegt. Die Ergebnisse der Quality Reviews bilden die Grundlage für die Steuerung des Projekts. Wurden keine schwerwiegenden Mängel festgestellt, so erhält das Projekt die Freigabe für die nächste Phase (grüne Ampel). Bei befunden, die ein geringes Projektrisiko mit sich bringen, kann das Projekt im Normalfall unter Einhaltung von Auflagen weitergeführt werden (orange Ampel). Weist das Projekt hingegen schwerwiegende Mängel auf, die den Projekterfolg nachhaltig gefährden, wird das Projekt gestoppt (rote Ampel). Die Freigabe für die Weiterführung wird erst dann erteilt, wenn die Mängel behoben sind und dies durch einen weiteren Review bestätigt wurde.

Quality Gates: Kontrollpunkte beim Übergang von einer Projektphase in die nächste

Quality Gates: Kontrollpunkte beim Übergang von einer Projektphase in die nächste

BEISPIEL AXA WINTERTHUR

Mitte 2008 bekam ein Projektteam der AXA Winterthur den Auftrag, Quality Gates für die Projektabwicklung einzuführen. Da damit auch ein organisatorischer Kulturwandel verbunden war, wurde speziell darauf geachtet, das Modell stufenweise zu etablieren.

1. Konzept & Prozess: In einer ersten Phase wurde das Konzept der Quality Gates erarbeitet. Anschliessend folgten die Erstellung von Prozessen und der daran beteiligten Rollen und die Bereitstellung von Hilfsmitteln zur Durchführung der Quality Gates. Zur Lösungsfindung bei der Modellentwicklung hat sich der Einsatz eines «Morphologischen Kastens» sehr bewährt. Das so entwickelte Modell weist dabei folgende Hauptmerkmale auf:

  • Quality Gates jeweils nach Abschluss der Projektinitialisierung, des Grobkonzepts und des Detailkonzepts Prüfung der Lieferobjekte mit Schwergewicht auf Projektmanagement und Anforderungsdefinition (Requirements Engineering)
  • Zentrale Koordinationsstelle für die formale Prüfung der Lieferobjekte und zur Erstellung des Qualitätsberichts zu Händen des Projektsponsors
  • Methodenkompetenz-Center für die inhaltliche Prüfung der Lieferobjekte und Erstellung eines Review-Protokolls

2. Einführungsphase: Um die aus der Praxis gewonnenen Erkenntnisse für die Optimierung des Modells nutzen zu können und die Organisation schrittweise darauf vorzubereiten, wählte das Management für die erste Phase sechs Projekte aus. Anschliessend fanden Kurzschulungen (ca. 60 Minuten) für Projektsponsoren, Projektleiter, Koordinationsstelle und Methodenkompetenz- Center statt. Zur Durchführung und Dokumentation der Quality Gates war zudem Infrastruktur nötig. Auf die Automatisierung des Prozesses wurde dabei bewusst verzichtet und einzig mit Ablageverzeichnissen und unpersönlichen Mailkonten gearbeitet. Den Abschluss der Einführung bildete die «Einphasung »: Dabei galt es, zu definieren, in welcher Phase sich die Projekte aktuell befinden und welche Lieferobjekte erstellt und geprüft werden sollten (Tailoring-Vereinbarung).

3. Optimierung: Aus den gesammelten Erfahrungen soll in einem nächsten Schritt das Modell optimiert und ausgebaut werden. Dabei gilt es, zu klären, welche weiteren Quality Gates eingeführt werden sollen (z. B. am Projektende) und welche Lieferobjekte dabei zu prüfen sind. Zudem geht es darum, das Modell weiter zu standardisieren und in der Organisation zu verankern. Dazu gehört die Auswahl weiterer Projektkandidaten für die zweite Einführungsphase. Als weiterer Ausbauschritt wird die workflowunterstützte Automatisierung des Prozesses in Betracht gezogen.

ERFOLGSFAKTOREN

Zur erfolgreichen Einführung sind folgende Faktoren wichtig:

  • Commitment der Geschäftsleitung und Einbezug der Organisation zur Sicherstellung des organisatorischen Wandels
  • Ausweisung des Nutzens der Quality Gates
  • Stufenweise, organisationsverträgliche Einführung
  • Unterstützung und Begleitung aller Beteiligten in der ersten Einführungsphase
  • Sammeln von Erfahrungen und Umsetzen von Verbesserungen zur Modelloptimierung.
Autor
Peter Wahl ist Leiter des IT Prozess- und Qualitätsmanagements der AXA Winterthur und verantwortlicher Projektleiter für die Quality-Gates-Einführung. Er ist dipl. Wirtschaftsinformatiker und VIW Mitglied.


Event

Peter Wahl stellt sein Projekt im Rahmen der VIW After Six Event Reihe am 20. August im Technopark Zürich und am 27. August an der Fachhochschule Bern vor. Das Referat startet jeweils um 18:30 Uhr und dauert ca. eine Stunde. Danach wird ein Apéro serviert. Anmeldungen sind über XING oder über die VIW Geschäftsstelle möglich.

Artikel
Der Artikel wurde in der Computerworld (Nr. 9, 08. Mai 2009, S. 36 – 37) publiziert und ist als PDF „Quality Gates: Kontrollposten auf dem Weg zum Projekterfolg“ erhältlich.

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